Von der Ăsthetik des Protests â Susanne Wagners âSigridâ
Eine uÌberdimensionierte Tomate scheint mit voller Wucht gegen die Wand geschleudert worden zu sein. Rosafarben verteilt sich der vermeintlich weiche Inhalt in alle Richtungen, wĂ€hrend die Reste des zweckentfremdeten NachtschattengewĂ€chses offensichtlich der Schwerkraft zu trotzen scheinen. Wer sich nun an Andy Warhols ikonisch gewordene Campbell’s [Tomato] Soup Cans erinnert fuÌhlt, irrt. Susanne Wagners âSigridâ erzĂ€hlt keine Geschichte uÌber Konsum oder Popkultur; vielmehr verweist das Werk auf einen der symboltrĂ€chtigsten Wendepunkte in der neuen Deutschen Frauenbewegung Ende der 1960er-Jahre.
Die 68er-Bewegung stellte tradierte AutoritĂ€ten ebenso wie die nationalsozialistische Vergangenheit der Elterngeneration radikal infrage und forderte neue Formen des politischen und gesellschaftlichen Zusammenlebens. Inmitten dieses gesellschaftlichen Spannungsfeldes trat schlieĂlich die titelgebende Sigrid Damm-RuÌger in Erscheinung. WĂ€hrend der 23. Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), die im September 1968 in Frankfurt am Main stattfand, war auch eine Delegation des SDS-nahen Aktionsrats zur Befreiung der Frauen angereist. Als Mitglied der feministischen Vereinigung forderte die Filmemacherin Helke Sander in einer nur unter Widerstand gestatteten und anschlieĂend weitgehend ignorierten Rede eine Politisierung des Privaten. Fragen nach strukturellen Benachteiligungen von Frauen sollten nicht lĂ€nger als vermeintlich private Angelegenheiten gelten, sondern als politische Probleme Eingang in die gesellschaftliche Debatte finden.[1] Empört uÌber die demonstrative Missachtung der vorgebrachten Anliegen, griff die hochschwangere Sigrid Damm-RuÌger schlieĂlich zu mehreren Tomaten und warf sie in Richtung des SDS-Vorstands. Das rot-fruchtige Wurfgeschoss, welches eigentlich dem SDS-Bundesvorsitzenden Helmut Schauer gegolten hatte, verfehlte sein Ziel und traf stattdessen das Gesicht des SDS-FuÌhrers Hans-JuÌrgen Krahl.[2] Was als symbolische Protesthandlung begann, erwies sich innerhalb kuÌrzester Zeit als InitialzuÌndung der zweiten feministischen Welle. So folgten als Reaktion auf die offensichtlich weiterhin bestehende gesellschaftspolitische Exklusion von Frauen die GruÌndung neuer feministischer Aktions- und sogenannter âWeiberrĂ€teâ in vielen deutschen GroĂstĂ€dten.
Mit der PrĂ€sentation mehrerer âSigridâ-Arbeiten im Jahr 2019 in der MuÌnchner Paulskirche bleibt der Tomatenwurf Sigrid Damm-RuÌgers nicht der letzte symbolische Akt seiner Art. Als feministische Intervention gegen die patriarchalen Grundstrukturen der Kirche, innerhalb derer Frauen bis heute nur eingeschrĂ€nkt sichtbar und reprĂ€sentiert sind,[3] schreibt Wagner die historische Protesthandlung in die Gegenwart fort. Ideell knuÌpft sie damit an jene Formen der kuÌnstlerischen Institutionskritik an, deren AnfĂ€nge ebenfalls eng mit den gesellschaftspolitischen UmbruÌchen der spĂ€ten 1960er-Jahre verbunden sind. Zudem scheint Wagner eine referentielle BruÌcke zu den Protesten des âAktionsrats zur Befreiung der Frauenâ wĂ€hrend eines Festaktes zum fuÌnfzigjĂ€hrigen JubilĂ€um des Frauenwahlrechts in der Frankfurter Paulskirche[4] zu schlagen. Indem die KuÌnstlerin ihre Arbeiten ausgerechnet parallel zum hundertjĂ€hrigen JubilĂ€um des Frauenwahlrechts in der MuÌnchner Kirche mit demselben Patrozinium prĂ€sentierte, verschrĂ€nkt sie Vergangenheit und Gegenwart auf eindruÌckliche Weise. âSigridâ erscheint damit weniger als Relikt einer abgeschlossenen Emanzipationsgeschichte, sondern vielmehr als Symbol eines gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses, der bis heute anhĂ€lt und keineswegs an AktualitĂ€t verloren hat.
Die 1977 in MuÌnchen geborene KuÌnstlerin Susanne Wagner studierte von 1998 bis 2004 an den Akademien der Bildenden KuÌnste in MuÌnchen und Wien und war nach ihrem Diplom 2005 mehrere Jahre als Assistentin von Prof. Hermann Pitz tĂ€tig. Zuletzt wurde sie 2026 mit dem Kunstpreis der Deutschen Gesellschaft fuÌr christliche Kunst ausgezeichnet. Aktuell werden Werke der KuÌnstlerin noch bis zum 13. August 2026 in der Ausstellung âFast eine Tonne: Atemraumâ im DG Kunstraum in MĂŒnchen gezeigt.
[1] Kirsten Heckmann-Janz, Vor 50 Jahren. Ein Tomatenwurf als âFunke im Pulverfassâ, Deutschlandfunk (2018), abgerufen am 01.08.2026, https://www.deutschlandfunk.de/vor-50-jahren-ein-tomatenwurf-als-funke-im-pulverfass-100.html.
[2] Ute Scheub, Die Frau, die die Tomate warf, taz (1996), abgerufen am 01.08.2026, https://taz.de/Die-Frau-die-die-Tomate-warf/!3208213/.
[3] Barbara Fischer, Sigrid. St. Paul, MuÌnchen, www.susannewagner.com (2019), abgerufen am 01.08.2026, https://www.susannewagner.com/1011-2/.
[4] Ulla Wischermann, âVom Weiberrat zur Frauenprofessurâ, Forschung Frankfurt â Das Wissenschaftsmagazin 35, Nr. 1 (2018), S. 62â66, hier: S. 65, https://www.fb03.uni-frankfurt.de/72754918/http_www_forschung_frankfurt_uni_frankfurt_de_72047849_FoFra_2018_01_Vom_Weiberrat__zur_Frauenprofessur_pdf.pdf?..
TEXT: Adrian Kunder, 2026.