Kunstverleih fĂŒr Alle
Grafik, Websitegestaltung: schwarze Strichzeichnung. Torso eines menschÀhnlichen, stilisierten Hunds; hÀlt ein kugelförmiges Geflecht aus ineinanderlaufenden SchlÀuchen in seinen HÀnden. Der neutrale Gesichtsausdruck ist mit einem geraden Strichmund angedeutet; abstehende schwarze Schlappohren und eine rundliche, schwarze Nase geben der Zeichnung einen humorvollen, scherzhaften Charakter.

Ausstellungsraum fĂŒr zeitgenössische Kunst aus MĂŒnchen
Foto: Außenansicht des Bildersaal-Pavillons mit geöffneter GlastĂŒr. Durch den Eingang sind gerahmte Kunstwerke an den weißen WĂ€nden sichtbar; auf der Glasfront stehen Titel und Laufzeit der Ausstellung.
Foto: Gerahmte Zeichnung einer skurrilen, menschenĂ€hnlichen Figur mit großem schwarzem Hut, langen, locker gezeichneten Haaren und zwei langen schwarzen, stabförmigen Beinen. Die Figur ist auf hellem Grund in feinen schwarzen Linien dargestellt.
— Credits: Judith Egger, Foto: Maximilian Geuter

Judith Egger: dark collages 15, aus der Serie „dark collages“

KĂŒnstler*innen
Judith Egger
Jahr
2018
Materialien
Zeichnung/Collage; Karton und Kohlestift
Maße
Blatt: 32 x 22 cm
Rahmenmaße
Rahmen: 40 x 30 cm

Beschreibung

Judith Egger – Verflechtungen

Wer im Juni 2026 durch die Münchner Innenstadt flanierte, konnte dort einem ungewöhnlichen, ‚ungeordneten Aufmarsch‘ begegnen: Als Teil der PUBLIC ART Focus Year Excursions zog die von Judith Egger angeführte United Holobiontic Protection Alliance durch die bayerische Landeshauptstadt. Die aufwendig kostümierten Teilnehmer*innen demonstrierten dabei für die Gleichberechtigung menschlicher und nicht-menschlicher Lebewesen. Was zunĂ€chst wie eine Ansammlung bizarrer, fantastischer Gestalten erschien, entpuppt sich als künstlerisches PlĂ€doyer für eine Welt, in der die Grenzen zwischen Mensch, Tier, Pflanze und Mikroorganismus zugunsten eines ökozentristischen Weltbildes aufgelöst werden sollen. Der Begriff „Holobiont“ bezeichnet dabei eine Gemeinschaft verschiedener, voneinander abhĂ€ngiger Organismen, deren symbiotisches Zusammenspiel in seiner Gesamtheit einem konstanten Wandel unterliegt.[1]

Die Verbindung von künstlerischer Praxis und wissenschaftlichen Fragestellungen zieht sich als programmatisches Element durch Judith Eggers Schaffen und findet auch in der zwischen 2017 und 2019 entstandenen, 28-teiligen Serie „dark collages“ ihren Widerhall. So zeigt die aus schwarzem Tonpapier und zeichnerischen Elementen zusammengesetzte „dark collage 15“ in der Sammlung der Münchner Artothek eine eigentümliche, zwischen organisch und figürlich changierende Form, die sich einer eindeutigen Lesbarkeit verwehrt. Aus schwarzen Stielen scheint eine weiche, beinahe wabbelige Masse hervorzuwachsen. Darüber sitzt ein schwarzes Hütchen, wĂ€hrend strĂ€hnige Linien an Haare erinnern. Fast wirkt es so, als ob die anthropomorphe Gestalt im Kontrapost vor uns steht, nur um sich im selben Moment wieder jeder festen Zuordnung zu entziehen.

Folgt man den künstlerisch-konzeptuellen Binnenlogiken, lĂ€sst sich die Collage als Materialisierung bzw. als Ausdruck jener ‚Lebenskraft‘ begreifen, welche die Künstlerin mit Werkkomplexen wie „Ursprung/Origins – eine VersuchsannĂ€herung“ (2017) ins Zentrum ihres künstlerischen Schaffens stellt.[2] Die verspielte, comichafte Figur auf Blatt Nr. 15 entfaltet jedoch auch eine explizit politische Dimension: Ă€hnlich wie bei den Teilnehmer*innen der United Holobiontic Protection Alliance verschwindet die Grenze zwischen Vertrautem und Fremdartigen, zwischen menschlichen Antlitz und organischen Formen. Die Verschmelzung bzw. Verbindung innerhalb eines grĂ¶ĂŸeren Zusammenhangs ist gleichermaßen in den zweidimensionalen Papierarbeiten angelegt. Eggers Perspektivwechsel scheint einem anthropozentrischen Weltbild die Vorstellung einer auf allen Ebenen verflochtenen Welt gegenüberzustellen. Im Sinne eines ‚Reworldings‘ entwirft die Künstlerin damit nicht zuletzt eine Alternative zu gegenwĂ€rtigen, virulenten gesellschaftlichen Tendenzen von Abgrenzung, Ausschluss und Abschottung.[3] Aus dem vermeintlich formlosen schwarz-weißen Gebilde wird so eine kleine Utopie des sich bedingenden Miteinanders.

Judith Egger, 1972 in München geboren, absolvierte zunĂ€chst eine Lehre zur Holzbildhauerin in Oberammergau, bevor sie Kommunikationsdesign in Augsburg und England studierte. Im Jahr 2001 absolvierte sie am Royal College of Art London ihren Master of Arts. Eggers künstlerisches Spektrum reicht von Performance, Video und Fotografie bis hin zu Keramik und Installationen. 2004 gründete sie das „Institut für Hybristik und empirische Schwellkörperforschung“, das als künstlerisches Forschungslaboratorium den verschiedenen Ausdrucksformen von Lebenskraft bzw. dem Bergson’schen ‚Élan vital‘ nachspürt.

[1] „Holobiont“, ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, abgerufen am 01.09.2026, https://zkm.de/de/holobiont.
[2] Vgl. Judith Egger, Ursprung/Origins – eine VersuchsannĂ€herung (2017), abgerufen am 01.09.2026, https://www.judithegger.de/einzelansicht/ursprung-origins-eine-versuchsannaherung.
[3] Vgl. Michaela Fridrich, Kocheler ZwischenTon. Der kulturpolitische Podcast der Georg-von-Vollmar-Akademie e.V., „Judith Egger über die Corona-Zeit, über Hasskommentare und über Schwellkörperforschung“, 2026, 15min, hier 07:00-08:00 min., abgerufen am 01.09.2026, https://www.vollmar-akademie.de/judith-egger-ueber-die-corona-zeit/.

TEXT: Adrian Kunder, 2026.