Judith Egger â Verflechtungen
Wer im Juni 2026 durch die MuÌnchner Innenstadt flanierte, konnte dort einem ungewöhnlichen, âungeordneten Aufmarschâ begegnen: Als Teil der PUBLIC ART Focus Year Excursions zog die von Judith Egger angefuÌhrte United Holobiontic Protection Alliance durch die bayerische Landeshauptstadt. Die aufwendig kostuÌmierten Teilnehmer*innen demonstrierten dabei fuÌr die Gleichberechtigung menschlicher und nicht-menschlicher Lebewesen. Was zunĂ€chst wie eine Ansammlung bizarrer, fantastischer Gestalten erschien, entpuppt sich als kuÌnstlerisches PlĂ€doyer fuÌr eine Welt, in der die Grenzen zwischen Mensch, Tier, Pflanze und Mikroorganismus zugunsten eines ökozentristischen Weltbildes aufgelöst werden sollen. Der Begriff âHolobiontâ bezeichnet dabei eine Gemeinschaft verschiedener, voneinander abhĂ€ngiger Organismen, deren symbiotisches Zusammenspiel in seiner Gesamtheit einem konstanten Wandel unterliegt.[1]
Die Verbindung von kuÌnstlerischer Praxis und wissenschaftlichen Fragestellungen zieht sich als programmatisches Element durch Judith Eggers Schaffen und findet auch in der zwischen 2017 und 2019 entstandenen, 28-teiligen Serie âdark collagesâ ihren Widerhall. So zeigt die aus schwarzem Tonpapier und zeichnerischen Elementen zusammengesetzte âdark collage 15â in der Sammlung der MuÌnchner Artothek eine eigentuÌmliche, zwischen organisch und figuÌrlich changierende Form, die sich einer eindeutigen Lesbarkeit verwehrt. Aus schwarzen Stielen scheint eine weiche, beinahe wabbelige Masse hervorzuwachsen. DaruÌber sitzt ein schwarzes HuÌtchen, wĂ€hrend strĂ€hnige Linien an Haare erinnern. Fast wirkt es so, als ob die anthropomorphe Gestalt im Kontrapost vor uns steht, nur um sich im selben Moment wieder jeder festen Zuordnung zu entziehen.
Folgt man den kuÌnstlerisch-konzeptuellen Binnenlogiken, lĂ€sst sich die Collage als Materialisierung bzw. als Ausdruck jener âLebenskraftâ begreifen, welche die KuÌnstlerin mit Werkkomplexen wie âUrsprung/Origins â eine VersuchsannĂ€herungâ (2017) ins Zentrum ihres kuÌnstlerischen Schaffens stellt.[2] Die verspielte, comichafte Figur auf Blatt Nr. 15 entfaltet jedoch auch eine explizit politische Dimension: Ă€hnlich wie bei den Teilnehmer*innen der United Holobiontic Protection Alliance verschwindet die Grenze zwischen Vertrautem und Fremdartigen, zwischen menschlichen Antlitz und organischen Formen. Die Verschmelzung bzw. Verbindung innerhalb eines gröĂeren Zusammenhangs ist gleichermaĂen in den zweidimensionalen Papierarbeiten angelegt. Eggers Perspektivwechsel scheint einem anthropozentrischen Weltbild die Vorstellung einer auf allen Ebenen verflochtenen Welt gegenuÌberzustellen. Im Sinne eines âReworldingsâ entwirft die KuÌnstlerin damit nicht zuletzt eine Alternative zu gegenwĂ€rtigen, virulenten gesellschaftlichen Tendenzen von Abgrenzung, Ausschluss und Abschottung.[3] Aus dem vermeintlich formlosen schwarz-weiĂen Gebilde wird so eine kleine Utopie des sich bedingenden Miteinanders.
Judith Egger, 1972 in MuÌnchen geboren, absolvierte zunĂ€chst eine Lehre zur Holzbildhauerin in Oberammergau, bevor sie Kommunikationsdesign in Augsburg und England studierte. Im Jahr 2001 absolvierte sie am Royal College of Art London ihren Master of Arts. Eggers kuÌnstlerisches Spektrum reicht von Performance, Video und Fotografie bis hin zu Keramik und Installationen. 2004 gruÌndete sie das âInstitut fuÌr Hybristik und empirische Schwellkörperforschungâ, das als kuÌnstlerisches Forschungslaboratorium den verschiedenen Ausdrucksformen von Lebenskraft bzw. dem Bergsonâschen âĂlan vitalâ nachspuÌrt.
[1] âHolobiontâ, ZKM | Zentrum fuÌr Kunst und Medien Karlsruhe, abgerufen am 01.09.2026, https://zkm.de/de/holobiont.
[2] Vgl. Judith Egger, Ursprung/Origins â eine VersuchsannĂ€herung (2017), abgerufen am 01.09.2026, https://www.judithegger.de/einzelansicht/ursprung-origins-eine-versuchsannaherung.
[3] Vgl. Michaela Fridrich, Kocheler ZwischenTon. Der kulturpolitische Podcast der Georg-von-Vollmar-Akademie e.V., âJudith Egger uÌber die Corona-Zeit, uÌber Hasskommentare und uÌber Schwellkörperforschungâ, 2026, 15min, hier 07:00-08:00 min., abgerufen am 01.09.2026, https://www.vollmar-akademie.de/judith-egger-ueber-die-corona-zeit/.
TEXT: Adrian Kunder, 2026.