Kunstverleih fĂŒr Alle
Grafik, Websitegestaltung: schwarze Strichzeichnung. Torso eines menschÀhnlichen, stilisierten Hunds; hÀlt ein kugelförmiges Geflecht aus ineinanderlaufenden SchlÀuchen in seinen HÀnden. Der neutrale Gesichtsausdruck ist mit einem geraden Strichmund angedeutet; abstehende schwarze Schlappohren und eine rundliche, schwarze Nase geben der Zeichnung einen humorvollen, scherzhaften Charakter.

Ausstellungsraum fĂŒr zeitgenössische Kunst aus MĂŒnchen
Foto: Außenansicht des Bildersaal-Pavillons mit geöffneter GlastĂŒr. Durch den Eingang sind gerahmte Kunstwerke an den weißen WĂ€nden sichtbar; auf der Glasfront stehen Titel und Laufzeit der Ausstellung.
Foto: Figurative Wandarbeit aus Keramik in Form einer roten Tomate, die auf einer unregelmĂ€ĂŸig geformten, pastellrosa FlĂ€che liegt. Die glĂ€nzende, plastisch modellierte Tomate ist mit einem grĂŒnen StĂ€ngel versehen; die rosafarbene FlĂ€che zeigt farbige, malerisch wirkende Strukturen und Sprenkel.
— Credits: Susanne Wagner, VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Maximilian Geuter

Susanne Wagner: Sigrid

KĂŒnstler*innen
Susanne Wagner
Jahr
2018
Materialien
Lackierte Keramik
Maße
40 x 40 x 15 cm

Beschreibung

Von der Ästhetik des Protests – Susanne Wagners „Sigrid“

Eine überdimensionierte Tomate scheint mit voller Wucht gegen die Wand geschleudert worden zu sein. Rosafarben verteilt sich der vermeintlich weiche Inhalt in alle Richtungen, wĂ€hrend die Reste des zweckentfremdeten NachtschattengewĂ€chses offensichtlich der Schwerkraft zu trotzen scheinen. Wer sich nun an Andy Warhols ikonisch gewordene Campbell’s [Tomato] Soup Cans erinnert fühlt, irrt. Susanne Wagners „Sigrid“ erzĂ€hlt keine Geschichte über Konsum oder Popkultur; vielmehr verweist das Werk auf einen der symboltrĂ€chtigsten Wendepunkte in der neuen Deutschen Frauenbewegung Ende der 1960er-Jahre.

Die 68er-Bewegung stellte tradierte AutoritĂ€ten ebenso wie die nationalsozialistische Vergangenheit der Elterngeneration radikal infrage und forderte neue Formen des politischen und gesellschaftlichen Zusammenlebens. Inmitten dieses gesellschaftlichen Spannungsfeldes trat schließlich die titelgebende Sigrid Damm-Rüger in Erscheinung. WĂ€hrend der 23. Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), die im September 1968 in Frankfurt am Main stattfand, war auch eine Delegation des SDS-nahen Aktionsrats zur Befreiung der Frauen angereist. Als Mitglied der feministischen Vereinigung forderte die Filmemacherin Helke Sander in einer nur unter Widerstand gestatteten und anschließend weitgehend ignorierten Rede eine Politisierung des Privaten. Fragen nach strukturellen Benachteiligungen von Frauen sollten nicht lĂ€nger als vermeintlich private Angelegenheiten gelten, sondern als politische Probleme Eingang in die gesellschaftliche Debatte finden.[1] Empört über die demonstrative Missachtung der vorgebrachten Anliegen, griff die hochschwangere Sigrid Damm-Rüger schließlich zu mehreren Tomaten und warf sie in Richtung des SDS-Vorstands. Das rot-fruchtige Wurfgeschoss, welches eigentlich dem SDS-Bundesvorsitzenden Helmut Schauer gegolten hatte, verfehlte sein Ziel und traf stattdessen das Gesicht des SDS-Führers Hans-Jürgen Krahl.[2] Was als symbolische Protesthandlung begann, erwies sich innerhalb kürzester Zeit als Initialzündung der zweiten feministischen Welle. So folgten als Reaktion auf die offensichtlich weiterhin bestehende gesellschaftspolitische Exklusion von Frauen die Gründung neuer feministischer Aktions- und sogenannter ‚WeiberrĂ€te‘ in vielen deutschen GroßstĂ€dten.

Mit der PrĂ€sentation mehrerer „Sigrid“-Arbeiten im Jahr 2019 in der Münchner Paulskirche bleibt der Tomatenwurf Sigrid Damm-Rügers nicht der letzte symbolische Akt seiner Art. Als feministische Intervention gegen die patriarchalen Grundstrukturen der Kirche, innerhalb derer Frauen bis heute nur eingeschrĂ€nkt sichtbar und reprĂ€sentiert sind,[3] schreibt Wagner die historische Protesthandlung in die Gegenwart fort. Ideell knüpft sie damit an jene Formen der künstlerischen Institutionskritik an, deren AnfĂ€nge ebenfalls eng mit den gesellschaftspolitischen Umbrüchen der spĂ€ten 1960er-Jahre verbunden sind. Zudem scheint Wagner eine referentielle Brücke zu den Protesten des „Aktionsrats zur Befreiung der Frauen“ wĂ€hrend eines Festaktes zum fünfzigjĂ€hrigen JubilĂ€um des Frauenwahlrechts in der Frankfurter Paulskirche[4] zu schlagen. Indem die Künstlerin ihre Arbeiten ausgerechnet parallel zum hundertjĂ€hrigen JubilĂ€um des Frauenwahlrechts in der Münchner Kirche mit demselben Patrozinium prĂ€sentierte, verschrĂ€nkt sie Vergangenheit und Gegenwart auf eindrückliche Weise. „Sigrid“ erscheint damit weniger als Relikt einer abgeschlossenen Emanzipationsgeschichte, sondern vielmehr als Symbol eines gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses, der bis heute anhĂ€lt und keineswegs an AktualitĂ€t verloren hat.

Die 1977 in München geborene Künstlerin Susanne Wagner studierte von 1998 bis 2004 an den Akademien der Bildenden Künste in München und Wien und war nach ihrem Diplom 2005 mehrere Jahre als Assistentin von Prof. Hermann Pitz tĂ€tig. Zuletzt wurde sie 2026 mit dem Kunstpreis der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst ausgezeichnet. Aktuell werden Werke der Künstlerin noch bis zum 13. August 2026 in der Ausstellung „Fast eine Tonne: Atemraum“ im DG Kunstraum in MĂŒnchen gezeigt.

[1] Kirsten Heckmann-Janz, Vor 50 Jahren. Ein Tomatenwurf als „Funke im Pulverfass“, Deutschlandfunk (2018), abgerufen am 01.08.2026, https://www.deutschlandfunk.de/vor-50-jahren-ein-tomatenwurf-als-funke-im-pulverfass-100.html.
[2] Ute Scheub, Die Frau, die die Tomate warf, taz (1996), abgerufen am 01.08.2026, https://taz.de/Die-Frau-die-die-Tomate-warf/!3208213/.
[3] Barbara Fischer, Sigrid. St. Paul, München, www.susannewagner.com (2019), abgerufen am 01.08.2026, https://www.susannewagner.com/1011-2/.
[4] Ulla Wischermann, „Vom Weiberrat zur Frauenprofessur“, Forschung Frankfurt – Das Wissenschaftsmagazin 35, Nr. 1 (2018), S. 62–66, hier: S. 65, https://www.fb03.uni-frankfurt.de/72754918/http_www_forschung_frankfurt_uni_frankfurt_de_72047849_FoFra_2018_01_Vom_Weiberrat__zur_Frauenprofessur_pdf.pdf?..

TEXT: Adrian Kunder, 2026.