Kunstverleih fĂŒr Alle
Grafik, Websitegestaltung: schwarze Strichzeichnung. Torso eines menschÀhnlichen, stilisierten Hunds; hÀlt ein kugelförmiges Geflecht aus ineinanderlaufenden SchlÀuchen in seinen HÀnden. Der neutrale Gesichtsausdruck ist mit einem geraden Strichmund angedeutet; abstehende schwarze Schlappohren und eine rundliche, schwarze Nase geben der Zeichnung einen humorvollen, scherzhaften Charakter.

Ausstellungsraum fĂŒr zeitgenössische Kunst aus MĂŒnchen
Pressebild: Plakat mit sich wiederholendem schwarzen Schriftzug „NeuankĂ€ufe 2025“ auf hellem Hintergrund. Die Worte sind in einem regelmĂ€ĂŸigen Raster angeordnet und fĂŒllen die gesamte BildflĂ€che; an den RĂ€ndern sind einzelne SchriftzĂŒge angeschnitten. Das grafische Muster erzeugt einen seriellen, typografischen Eindruck.
Foto: Gerahmtes GemĂ€lde in krĂ€ftigen Rot- und Rosatönen. Eine stilisierte Figur mit Hut, Sonnenbrille und lang verzerrter Nase trĂ€gt ein Shirt mit einem roten Herz. Daneben steht in einer Sprechblase „KUNG FU!!“. Im Hintergrund sind Regale und ein Tisch angedeutet. Das Bild wirkt comichaft, humorvoll und ausdrucksstark.
— Credits: © Mehmet & Kazim Akal, Foto: Max Geuter

Mehmet & Kazim Akal: Kung Fu

KĂŒnstler*innen
Mehmet & Kazim Akal
Jahr
2018
Materialien
Öl auf Leinwand
Maße
60 x 50 cm

Beschreibung

Mehmet & Kazim Akal – HybriditĂ€t als Prinzip

Anders als sich im Titel der Arbeit andeutet, blicken die Betrachter*innen weder auf kĂ€mpfende Figuren noch auf fernöstliche Actionszenen: Herzchen und Kussmund erobern stattdessen den rot-weißen Bildraum. Die gesamte Darstellung erinnert dabei weniger an klassische Malerei als vielmehr an die Bildwelten des Graffiti, denen auch die comicartige Figur mit ihren ĂŒberzeichneten Formen und krĂ€ftigen Konturen entlehnt zu sein scheint. Zwischen den maximal gespitzten Lippen presst sich eine Sprechblase inklusive des Werkstitels hervor. Die spiegelnde Sonnenbrille, der glockenförmige Fischerhut und die offene, Ă€rmellose Weste in Kombination mit den NietenarmbĂ€ndern an beiden Handgelenken, runden die lĂ€ssige Erscheinung der Figur ab. Passend zu den markanten Accessoires ist die rechte Hand zur ‚Mano Cornuta‘ geformt, bekanntermaßen eine Geste, die der Heavy-Metal- & Rockszene zuzuordnen ist. Im Hintergrund zeichnet sich schemenhaft eine Bar bzw. ein Imbiss ab.

Den Weg zur Kunst findet das MĂŒnchner KĂŒnstlerduo Mehmet & Kazim Akal außerhalb von Kunstakademien und UniversitĂ€ten. Es war der Drang, sich kreativ auszuleben, der die beiden Cousins unabhĂ€ngig voneinander mit Graffiti und Breakdance in BerĂŒhrung brachte. Innerhalb des Hip-Hop-Kosmos, in welchem soziale und kulturelle Herkunft gegenĂŒber Können, Ausdruck und kĂŒnstlerischer Praxis zurĂŒcktreten, können die beiden KĂŒnstler mit tĂŒrkischen Wurzeln ihre IdentitĂ€tskonflikte in den Hintergrund rĂŒcken lassen. Als feste GrĂ¶ĂŸe der lokalen und internationalen Graffiti-Szene fungiert der Sprayer Loomit als Mentor fĂŒr das Duo, bevor sie spĂ€ter an die Akademie der Bildenden KĂŒnste in die Klasse Markus Oehlen wechseln. [1] Hier treffen die beiden erstmals auf kunsthistorische Positionen wie jene Philip Gustons, die ihrem eigenen Werk – ungeachtet der nach wie vor randstĂ€ndigen Behandlung von Street Art im akademischen Diskurs – eine bemerkenswerte NĂ€he zum kunstgeschichtlichen Kanon verleihen. Seither bilden die sich aus ihren Nachnamen ableitenden Farben Weiß (tĂŒrk. Ak) und Rot (tĂŒrk. Al) den farblich-charakteristischen Ausgangspunkt der „Kissing Cousins“.[2]

Gerade vor diesem Hintergrund entfaltet die scheinbar widersprĂŒchliche Ikonografie eine hybride kulturelle Codierung, die essenziell fĂŒr das VerstĂ€ndnis des Werks zu sein scheint. So erinnert der glockenförmige ‚Bucket Hat‘ unweigerlich an die ikonische Silhouette der Kangol-HĂŒte, die zu den prĂ€genden Stilelementen der Hip-Hop-Gruppe Run DMC zĂ€hlten. Mit Alben wie „King of Rock“ avancierten sie nicht nur zu stilprĂ€genden Wegbereitern des Genres, sondern öffneten zugleich die Grenzen zwischen Rap und Rockmusik. Auf eine vergleichbare kulturelle Verschmelzung deutet auch der Werkstitel hin. Ab den 1990er Jahren prĂ€gten insbesondere der Wu-Tang Clan und GrĂŒndungsmitglied RZA die Verbindung von Hip-Hop und Martial-Arts-Ästhetiken. Filme wie „Ghost Dog – The Way of the Samurai“ griffen diese Bildwelten auf und verbanden sie mit den Erfahrungen afroamerikanischen LebensrealitĂ€ten in den urbanen Zentren der USA, wĂ€hrend Anime-Adaptionen wie „Afro Samurai“ diese kulturelle VerschrĂ€nkung spĂ€ter konsequent fortfĂŒhrten.[3]

Es ist eben diese HybriditĂ€t und kulturelle Befruchtung, die sinnbildlich fĂŒr das Werk von Mehmet & Kazim Akal steht. „Kung Fu“ ist damit zugleich Hommage an die Hip-Hop-Kultur, aus der die KĂŒnstler hervorgegangen sind, wie auch programmatische Offenlegung ihrer eigenen kĂŒnstlerischen Praxis: Wie Hip-Hop selbst versteht sich auch ihre Kunst als offenes System – geprĂ€gt von Austausch und kultureller Vielstimmigkeit zwischen kunsthistorischen Traditionen und postmigrantischer LebensrealitĂ€t.

[1] Lisa Zeitz, „Bussi aus Bushwick. Interview mit Mehmet & Kazim“, Weltkunst, Nr. 205 (2022), abgerufen am 01. Juli 2026, https://www.weltkunst.de/kunstwissen/2022/11/mehmetkazim- kuenstlerduo-muenchen-kammerspiele?pagination=1.
[2] Tobias Krone, „Einmal Kunst rot-weiß, bitte. KĂŒnstlerduo ‚Kissing Cousins‘“, Deutschlandfunk Kultur (2020), abgerufen am 01. Juli 2026, https://www.deutschlandfunkkultur.de/kuenstlerduo-kissing-cousins-einmal-kunst-rot-weissbitte-
100.html.
[3] Simon Jenner, „Samurai X Hip-Hop: When Cultures Collide“, sabukaru magazine (2021), abgerufen am 01. Juli 2026, https://sabukaru.online/articles/samurai-x-hip-hop-whencultures-collide.

TEXT: Adrian Kunder, 2026.