Mehmet & Kazim Akal â HybriditĂ€t als Prinzip
Anders als sich im Titel der Arbeit andeutet, blicken die Betrachter*innen weder auf kĂ€mpfende Figuren noch auf fernöstliche Actionszenen: Herzchen und Kussmund erobern stattdessen den rot-weiĂen Bildraum. Die gesamte Darstellung erinnert dabei weniger an klassische Malerei als vielmehr an die Bildwelten des Graffiti, denen auch die comicartige Figur mit ihren ĂŒberzeichneten Formen und krĂ€ftigen Konturen entlehnt zu sein scheint. Zwischen den maximal gespitzten Lippen presst sich eine Sprechblase inklusive des Werkstitels hervor. Die spiegelnde Sonnenbrille, der glockenförmige Fischerhut und die offene, Ă€rmellose Weste in Kombination mit den NietenarmbĂ€ndern an beiden Handgelenken, runden die lĂ€ssige Erscheinung der Figur ab. Passend zu den markanten Accessoires ist die rechte Hand zur âMano Cornutaâ geformt, bekanntermaĂen eine Geste, die der Heavy-Metal- & Rockszene zuzuordnen ist. Im Hintergrund zeichnet sich schemenhaft eine Bar bzw. ein Imbiss ab.
Den Weg zur Kunst findet das MĂŒnchner KĂŒnstlerduo Mehmet & Kazim Akal auĂerhalb von Kunstakademien und UniversitĂ€ten. Es war der Drang, sich kreativ auszuleben, der die beiden Cousins unabhĂ€ngig voneinander mit Graffiti und Breakdance in BerĂŒhrung brachte. Innerhalb des Hip-Hop-Kosmos, in welchem soziale und kulturelle Herkunft gegenĂŒber Können, Ausdruck und kĂŒnstlerischer Praxis zurĂŒcktreten, können die beiden KĂŒnstler mit tĂŒrkischen Wurzeln ihre IdentitĂ€tskonflikte in den Hintergrund rĂŒcken lassen. Als feste GröĂe der lokalen und internationalen Graffiti-Szene fungiert der Sprayer Loomit als Mentor fĂŒr das Duo, bevor sie spĂ€ter an die Akademie der Bildenden KĂŒnste in die Klasse Markus Oehlen wechseln. [1] Hier treffen die beiden erstmals auf kunsthistorische Positionen wie jene Philip Gustons, die ihrem eigenen Werk â ungeachtet der nach wie vor randstĂ€ndigen Behandlung von Street Art im akademischen Diskurs â eine bemerkenswerte NĂ€he zum kunstgeschichtlichen Kanon verleihen. Seither bilden die sich aus ihren Nachnamen ableitenden Farben WeiĂ (tĂŒrk. Ak) und Rot (tĂŒrk. Al) den farblich-charakteristischen Ausgangspunkt der âKissing Cousinsâ.[2]
Gerade vor diesem Hintergrund entfaltet die scheinbar widersprĂŒchliche Ikonografie eine hybride kulturelle Codierung, die essenziell fĂŒr das VerstĂ€ndnis des Werks zu sein scheint. So erinnert der glockenförmige âBucket Hatâ unweigerlich an die ikonische Silhouette der Kangol-HĂŒte, die zu den prĂ€genden Stilelementen der Hip-Hop-Gruppe Run DMC zĂ€hlten. Mit Alben wie âKing of Rockâ avancierten sie nicht nur zu stilprĂ€genden Wegbereitern des Genres, sondern öffneten zugleich die Grenzen zwischen Rap und Rockmusik. Auf eine vergleichbare kulturelle Verschmelzung deutet auch der Werkstitel hin. Ab den 1990er Jahren prĂ€gten insbesondere der Wu-Tang Clan und GrĂŒndungsmitglied RZA die Verbindung von Hip-Hop und Martial-Arts-Ăsthetiken. Filme wie âGhost Dog â The Way of the Samuraiâ griffen diese Bildwelten auf und verbanden sie mit den Erfahrungen afroamerikanischen LebensrealitĂ€ten in den urbanen Zentren der USA, wĂ€hrend Anime-Adaptionen wie âAfro Samuraiâ diese kulturelle VerschrĂ€nkung spĂ€ter konsequent fortfĂŒhrten.[3]
Es ist eben diese HybriditĂ€t und kulturelle Befruchtung, die sinnbildlich fĂŒr das Werk von Mehmet & Kazim Akal steht. âKung Fuâ ist damit zugleich Hommage an die Hip-Hop-Kultur, aus der die KĂŒnstler hervorgegangen sind, wie auch programmatische Offenlegung ihrer eigenen kĂŒnstlerischen Praxis: Wie Hip-Hop selbst versteht sich auch ihre Kunst als offenes System â geprĂ€gt von Austausch und kultureller Vielstimmigkeit zwischen kunsthistorischen Traditionen und postmigrantischer LebensrealitĂ€t.
[1] Lisa Zeitz, âBussi aus Bushwick. Interview mit Mehmet & Kazimâ, Weltkunst, Nr. 205 (2022), abgerufen am 01. Juli 2026, https://www.weltkunst.de/kunstwissen/2022/11/mehmetkazim- kuenstlerduo-muenchen-kammerspiele?pagination=1.
[2] Tobias Krone, âEinmal Kunst rot-weiĂ, bitte. KĂŒnstlerduo âKissing Cousinsââ, Deutschlandfunk Kultur (2020), abgerufen am 01. Juli 2026, https://www.deutschlandfunkkultur.de/kuenstlerduo-kissing-cousins-einmal-kunst-rot-weissbitte-
100.html.
[3] Simon Jenner, âSamurai X Hip-Hop: When Cultures Collideâ, sabukaru magazine (2021), abgerufen am 01. Juli 2026, https://sabukaru.online/articles/samurai-x-hip-hop-whencultures-collide.
TEXT: Adrian Kunder, 2026.