Rita Hensen – Alltag in Rot. Gegenstand und Kunstbetrachtung
Eine fein gefaltete Decke mit abgesetzten, dunklen Zierstreifen und weißem Kreuz ist Teil eines sonderbaren Trios. Gemeinsam mit einer Schubkarre und einem kleinen Tischchen bildet es das von Rita Hensen geschaffene Werk „Trio Rot (Tisch Schubkarre Decke)“. Charakteristisch für den künstlerischen Dreiklang ist die im Titel angelegte monochrome Ausführung in Rot und der körnige-diffuse Farbauftrag des Acryllacks. Stellvertretend für die gesamte Serie zeigen sich in der Darstellung der Decke fein ineinanderlaufende Farbfelder, die vor hellem Grund weiche Übergänge und filigrane Schattierungen erzeugen. So steht die reduzierte, unifarbene Formensprache in einem wirkungsvollen Kontrast zu den weich modulierten Farbübergängen.
Rita Hensens Schaffen zeichnet sich durch ein bemerkenswert breites Spektrum gestalterischer Ansätze aus. Geboren wird die Künstlerin 1960 im nordrhein-westfälischen Bedburg in der Nähe von Köln. Ihre künstlerisch-akademische Ausbildung absolvierte sie von 1982 bis 1988 an der Münchner Akademie der Bildenden Künste. Hier studierte sie unter anderem bei Günther Fruhtrunk. Sowohl vor als auch nach ihrer Einzelausstellung in der Münchner Artothek 2011 waren ihre Arbeiten in zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen vertreten. Zuletzt wurden Werke in der Galerie FOE präsentiert. Darüber hinaus ist Rita Hensen in der Mercedes-Benz Art Collection vertreten. Als Schenkung der Mathias Pschorr-Stiftung gelangte die „Decke“ in die Sammlung der Münchner Artothek. Heute lebt und arbeitet die Künstlerin in München.
Ikonografisch kann das vorliegende Werk durchaus mit Schutz, Wärme und medizinischer Versorgung, ferner mit der Schweizer Nationalflagge assoziiert werden. Darüber hinaus lassen sich künstlerische Bezugspunkte vor allem innerhalb der 1960er- und 70er-Jahre ausmachen. Die schon ab den 1990er-Jahren entstehenden anagramatischen Arbeiten[1] zeugen von der paradigmatischen Entgrenzung zwischen Posie und Bild, wie sie namentlich etwa bei Marcel Broodthaers zum künstlerischen Reflexionsgegenstand avancierte. Sowohl Broodthaers als auch seinem belgischen Künstlerkollegen René Magritte widmete Hensen in der Vergangenheit je ein entsprechendes poetisches Fragment.[2] In diesem Sinne sind Tisch, Schubkarre und Decke auch als künstlerische Auseinandersetzung mit dialektischen Schematisierungs- und Repräsentationssystemen zu verstehen. Gleichzeitig ermöglicht die Serie der roten Alltagsgegenstände einen Einblick hinter den konkreten Schaffensprozess. So reihen sich all jene Gegenstände auf, die Hensen als notwendige, dingliche Voraussetzung für ihrer Kunstproduktion betrachtet.[3] Die mediale Vielfalt im OEuvre der Wahlmünchnerin reicht vom zeichnerischen zum fotografischen über das plastisch-handwerkliche und scheint den ungebremsten Gestaltungsdrang der Künstlerin zu dokumentieren.
[1] Renate Wiehager: Eine Geschichte mit ›Ausgewählten Halten‹ zwischen München, Esslingen, Tokyo und Berlin, in: Rita Hensen: Vitalwertemaximierung Berlin 2019, S. 2-6, hier: S. 2.
[2] Vgl. Hensen in: Wiehager 2019, S. 15 sowie S. 18.
[3] Telefonat zwischen Rita Hensen und Adrian Kunder am 02.03.2026.
TEXT: Adrian Kunder, 2026.