Kunstverleih fĂŒr Alle
Grafik, Websitegestaltung: schwarze Strichzeichnung. Torso eines menschÀhnlichen, stilisierten Hunds; hÀlt ein kugelförmiges Geflecht aus ineinanderlaufenden SchlÀuchen in seinen HÀnden. Der neutrale Gesichtsausdruck ist mit einem geraden Strichmund angedeutet; abstehende schwarze Schlappohren und eine rundliche, schwarze Nase geben der Zeichnung einen humorvollen, scherzhaften Charakter.

Ausstellungsraum fĂŒr zeitgenössische Kunst aus MĂŒnchen
Foto: Installationsansicht im Verleihraum der Artothek. Von der Decke hĂ€ngt eine Skulptur aus drei ĂŒbereinander angeordneten, verspiegelten Kugeln, die an einen Schneemann erinnert. Die OberflĂ€che besteht aus kleinen SpiegelplĂ€ttchen und wirft zahlreiche Lichtpunkte an WĂ€nde und Decke. Eine kleine rote, spitze Form ragt seitlich aus der oberen Kugel. Im Hintergrund sind gerahmte Kunstwerke an der Wand zu sehen. Die AtmosphĂ€re ist dunkel und stimmungsvoll, geprĂ€gt von Lichtreflexen und Schatten.
Foto eines gerahmten Kunstwerks an einer weißen Wand. In der Mitte befindet sich eine kleine Zeichnung auf beigefarbenem Papier. Zu sehen sind zwei einfache, runde Formen mit jeweils drei kurzen Strichen im Inneren. Die beiden Formen sind durch eine durchgehende schwarze Linie miteinander verbunden, sodass sie wie ein zusammenhĂ€ngendes Tonband mit Spulen wirken. Die Zeichnung ist minimalistisch und mit schwarzer Linie ausgefĂŒhrt.
— Credits: © Nikolai Vogel, VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Max Geuter

Nikolai Vogel: o. T. (blanko 24), aus der Serie "Endless"

KĂŒnstler*innen
Nikolai Vogel
Jahr
2009
Materialien
Permanent Marker auf Papier
Maße
Bild: ca. 13 x 21 cm
Rahmenmaße
Rahmen: 26,5 x 32,5 cm

Beschreibung

Der Münchner Künstler und Schriftsteller Nikolai Vogel, geboren 1971, arbeitet an der Schnittstelle von Literatur, bildender Kunst, Klang und Performance. Nach einem Studium der Germanistik, Philosophie und Informatik an der Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t München bewegt sich der multidisziplinĂ€re Künstler seit vielen Jahren bewusst zwischen unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksformen. Für seine Arbeiten wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bayerischen Kunstförderpreis. Vogels Werk kreist um Fragen von Zeit, Wiederholung, Wahrnehmung und medialen Übersetzungen. Ausgangspunkt ist dabei hĂ€ufig die Sprache, die er in visuelle, akustische oder performative Formate übertrĂ€gt. Seine besondere Faszination gilt bis heute analogen Medien und ihren materiellen wie konzeptuellen Einschreibungen.

Bereits am ehemaligen Standort der Artothek München im Rosental war Vogel mit seiner Ausstellung „Endless Retrospective“ vertreten, in der er sich unter anderem mit medialen Transformationsprozessen und der Idee des Endlosen auseinandersetzte. Zur Abschiedsausstellung „FINALE Grande im Rosental. [ÉĄÉ™ËˆÊƒlÉȘfn]“ prĂ€sentierte er eine Performance, in der erneut Tonband-Loops zum Einsatz kamen und so eine konzeptuelle Linie weiterführten. Vogel hat die Artothek an unterschiedlichen Stationen begleitet; nun nehmen wir unseren Umzug in die Burgstraße und die Wiedereröffnung von Artothek & Bildersaal zum Anlass, seiner Auseinandersetzung mit Zeitlichkeit, Wiederholung und medialen Transformationsprozessen nachzuspüren.

Ausgangspunkt unseres GesprĂ€chs ist eine Zeichnung aus der damaligen Ausstellung von 2015, die heute Teil unserer Sammlung ist. Für das GesprĂ€ch haben wir uns in seinem Atelier getroffen.

AK: Die Tonband-Loop-Zeichnung aus der Sammlung der Artothek war Teil deiner ersten Einzelausstellung „Endless Retrospective“. Gezeigt wurde sie 2015 in den alten RĂ€umlichkeiten im Rosental. Was war dir bei der Ausstellung insgesamt wichtig? Welche Idee oder Stimmung wolltest du den Besucher*innen mitgeben?

NV: Ich habe mich zu dieser Zeit sehr stark mit dem Medienwandel beschĂ€ftigt, den ich voll miterlebt habe. Ich bin in den frühen 70ern geboren. Schellack war schon eine Zeit lang vorbei, man wusste aber noch, was das ist. Vinyl und Kompaktkassetten waren weit verbreitet. Die Tonbandzeit dĂ€mmerte allmĂ€hlich dahin. In meiner Jugend kam dann die CD auf. Erst im Studium – und eigentlich auch über die Erfindung des Techno – bin ich zum Plattenspieler gekommen. Nachdem mich das anfangs nicht interessiert hat, habe ich irgendwann gemerkt, dass es das ganze interessante Zeug eigentlich nur auf Schallplatte gab. Digitale Musik, eigentlich elektronische Musik, wurde in der Regel nur auf Schallplatte aufgelegt. Als Jugendlicher habe ich das noch miterlebt, wenn die Leute ihr Zeug, ihren Sperrmüll, auf die Straße rausgestellt haben. Da waren immer ganz viele Platten dabei. Man hat sich seine Lieblingsplatten dann auf CD gekauft und die Vinyls weggeschmissen. Es gab dieses starke Verlangen: Man möchte das, was man besitzt, auf einem einzigen Medium haben. Man will nicht verschiedene, man will diese PluralitĂ€t nicht. Und irgendwann habe ich gemerkt, dass diese PluralitĂ€t eigentlich total schön ist. Und dass das auch nicht aufhören wird. Also habe ich jetzt eben Kassetten, CDs und Platten, und ich kann auch Schellacks abspielen. Einfach zu merken, dass es fiktiv ist, dass ein Medium alle anderen obsolet macht. Und oft ist es sogar so: Je Ă€lter ein Medium ist, umso lĂ€nger lebt es. Ein Bild ist auch etwas, mit dem man sich lĂ€nger beschĂ€ftigt. Das ist vergleichbar mit einer Platte, die man gern mag und immer wieder anhört. Wenn man ein Bild betrachtet, springt einem immer wieder etwas Neues ins Auge bzw. ins Ohr. Ich begreife Bilder als Fenster. Fenster woanders hin und zur Welt, die irgendwie einen Raum aufmachen. Und bei der endlosen Retrospektive habe ich die Aporie schon im Titel geschaffen. Das war meine erste Einzelausstellung. Und was heißt das, die Endlosigkeit in Retrospektive? Ist sie dann schon vorbei? Und also nicht endlos. Oder handelt es sich eben um eine Schleife, eine Loop, eine Wiederholung?

AK: Die in der Ausstellung gezeigten Zeichnungen sind gleichzeitig Teil deiner „Endless“-Werkserie, an der du seit 2009 arbeitest. Erinnerst du dich, welcher Gedanke diese Serie angestoßen hat? Wie spiegelt sich dieser in den einzelnen TonbandblĂ€ttern

NV: Ja, gar nicht so leichte Frage, wo was herkommt. Ich komme ursprünglich von der Literatur. Über die Literatur bin ich immer mehr zur bildenden Kunst gekommen. Ich schreibe sehr assoziative Texte, in denen es oft darum geht, wie man ‚Welt‘ eigentlich sichtbar bzw. begreifbar machen kann und wie man ‚Welt‘ sagen kann, obwohl man weiß, dass man sie nie ganz fassen wird. Ich habe einen Text, an dem ich seit vielen Jahren schreibe. „Große ungeordnete AufzĂ€hlung“ ist wirklich eine Art WeltaufzĂ€hlung. Gleichzeitig weiß man in jeder Sekunde, dass man die Dinge in der Welt nicht komplett aufzĂ€hlen kann. Und das ist auch wieder eine Aporie. Man kann theoretisch ewig weitermachen, zumindest solange die Lebensspanne es zulĂ€sst. So kommt man immer wieder an neue Punkte, auf die man zuvor noch nicht gestoßen ist. Hinzu kommen dann aber natürlich auch Rekursionen und Wiederholungen, die ganz wichtig sind. Ein anderes Thema, das mich als Künstler sehr stark beschĂ€ftigt, ist der Alltag. Das ist eigentlich das, was immer mitlĂ€uft, was nicht aus dem Leben herausragt, was vielleicht auch eher in der Erinnerung mitschwingt, aber nicht thematisiert wird.

AK: Für die Zeichnungen hast du ein spezielles Papier verwendet, welches du 1989, kurz vor dem Mauerfall, auf Klassenfahrt in Ost-Berlin gekauft hast. Welche Rolle spielt dieses historisch aufgeladene Material für das VerstĂ€ndnis des Werks, und wie verĂ€ndert es die Wahrnehmung des Endlosen?

NV: Nun ja, ich finde, das ist immer so
 Es gibt bei Kunstwerken einfach oft Aspekte, die mitschwingen, die man nicht wissen muss. Um unser Zwangsumtauschgeld loszuwerden, habe ich damals unter anderem dieses Durchschreibbuch gekauft. Das ist eigentlich ganz billiges Papier – aber auf der anderen Seite auch ein total schönes, das sehr gut zur Arbeit passt, da es sichtbar altert. Wenn man diesen Kontext nicht kennt, dann ist das Werk in sich trotzdem noch schlüssig. Es ist einfach ein weiterer Aspekt mehr, in dem sich auch wieder die Widersprüchlichkeit der Endlosigkeit zeigt. Gerade wenn Sachen auf endlos gedacht werden sollen – wenn man zum Beispiel sagt: ‚Der Staat, der hĂ€lt mehrere tausend Jahre‘ und so weiter –, zeigt sich, dass genau diese Sachen eben nicht ewig sind, und oft auch, Gott sei Dank! Es ist eine Übersteigerung des Menschen, zu sagen, man könne irgendetwas machen, das ewig wĂ€hrt. Ich glaube, in der Kunst ist das Ă€hnlich. Es macht Spaß, wenn es lebendig bleibt. Und das kann es nur, wenn es genügend Anknüpfungspunkte gibt. Zudem finde ich es schön, wenn sich in Werken etwas entdecken lĂ€sst. Sowohl in der Kunst als auch in der Literatur versuche ich, nicht zu viel vorzugeben, sondern die eigenen Assoziationen und Erinnerungen der Betrachter*innen oder der Leser*innen zu aktivieren. So kann jede*r zu einer ganz eigenen ErzĂ€hlung kommen. Das ist mir wichtig. In meinen Arbeiten schwingt oft auch eine leichte Ironie mit. Ich mag es, wenn es ein bisschen lĂ€ssig sein kann. Die Tonbandloop-Zeichnungen sind auch ungezwungen aufs Blatt geworfen.

AK: Die Tonband-Loops sind physische, mechanische Objekte, die du in eine minimalistische Zeichensprache übersetzt. Was interessiert dich an dieser Übertragung, und was geht dabei verloren? Was entsteht neu?

NV: Übersetzt habe ich sie mit diesem Werk natürlich in die Zeichnung, einfach weil es mich interessiert hat. Und damit sozusagen einen Medienwechsel von der Akustik zur Optik hin vollzogen. Ich finde, TonbĂ€nder als Material sind einfach irre, das ist wirklich ein Hightech-Material. Neben meiner Ausstellung „Endless Retrospective“ in der Artothek habe ich bereits in der Vergangenheit skulpturale Arbeiten mit TonbĂ€ndern gemacht. Ich beschĂ€ftige mich immer gerne mit der Geschichte von Orten. Für mich war auch interessant, dass ich zur damaligen Zeit in einem Atelier war, das früher eine Tonbandfabrik war. Von den TonbĂ€ndern, die ich besitze, sind etliche genau dort hergestellt worden. Die dort ansĂ€ssige Firma Agfa hat für den ganzen europĂ€ischen Kontinent StudiotonbĂ€nder hergestellt. Fast alle Radiostationen in Europa haben auf diesen BĂ€ndern übertragen. Das war für mich ziemlich eindrucksvoll, dass ich die BĂ€nder quasi an ihren Ursprung zurückbringe, dorthin, wo sie herkamen. Und vorher waren auf dem GelĂ€nde, das Agfa übernommen hatte, die Perutz-Photowerke in der Kistlerhofstraße, in der ein Stück Fotografiegeschichte geschrieben wurde. Und nun wurden hier also akustische Medien produziert …

AK: Deine Arbeiten kreisen um Unendlichkeit, Wiederholung, Zeit und Wahrnehmung. Welche Fragen treiben dich heute im Rückblick auf die Endless-Serie besonders um? Und wie spürst du ihnen in neuen Arbeiten nach?

NV: Mich beschĂ€ftigen bis heute das Zusammenspiel und die verschiedenen QualitĂ€ten der Künste. Malerei in ihrer unglaublichen Gleichzeitigkeit, wĂ€hrend Musik und Literatur Zeit brauchen, um erlebt zu werden. Malerei ist einfach da, Musik und Literatur sind zeitgebunden. Wenn man ein Stück anhört, das zehn Minuten dauert, dann muss man eben diese Zeit mit dem Stück verbringen. Diese unterschiedlichen Arten, etwas wahrzunehmen, stecken auch in der Endless-Serie. In meinen neueren Arbeiten gehe ich stĂ€rker auf den einzelnen Moment ein, wie in der Serie „Augenblicke“, in der das auf Sofortbild-Fotografien eingefangene Licht die ursprüngliche Situation gewissermaßen in die Zukunft trĂ€gt – fast wie in einer Zeitkapsel. Das schließt wieder direkt an den Gedanken der Endlosigkeit an. In der Literatur arbeite ich an sehr langen Gedichten, die sich ebenfalls um Wiederholung, Erinnerung und deren stĂ€ndige VerĂ€nderung durch Neubewertung drehen. Diese Themen der Endlosigkeit und Wahrnehmung begleiten mich also weiterhin, nur in unterschiedlichen Formen.

Interview vom 22.01.2026 zwischen Nikolai Vogel und Adrian Kunder.

Die Werke der Artothek-Sammlung sind grundsĂ€tzlich nicht verkĂ€uflich. Gerne unterstützt die Artothek jedoch bei der Kontaktaufnahme zu Künstler*innen. Einige Tonband-Zeichnungen von Nikolai Vogel sind derzeit noch verfügbar und über den Künstler erhĂ€ltlich.

www.nikolaivogel.com
@nikolaivogelcom