Real, profan, sakral? David Bielander und die Kunst des schönen Scheins
Das seltsam profan anmutende Kruzifix von David Bielander ist einer der weniger SakralgegenstĂ€nde in den âheiligen Hallenâ der MĂŒnchner Artothek. Selbst die besonders aufmerksamen Besucher*innen können vermutlich nicht umhin, sich in die Rolle des antiken Malers Zeuxis versetzt zu sehen. GemÀà einer vom römischen Autor Plinius ĂŒberlieferten Anekdote wetteiferte dieser mit seinem Zeitgenossen Parrhasios darum, den jeweils anderen in seiner kĂŒnstlerischen Meisterschaft zu ĂŒbertreffen. Nachdem sich Vögel auf die tĂ€uschend echten Trauben des von Zeuxis geschaffenen GemĂ€ldes stĂŒrzten, soll er seinen Konkurrenten aufgefordert haben, nun seinerseits das mit einem Vorhang bedeckte GemĂ€lde zu enthĂŒllen â um augenblicklich festzustellen, dass nun auch er Opfer einer TĂ€uschung geworden war.
Die fĂŒr das Genre der Trompe-lâĆils konstituierende illusionistische Wirkmacht findet mit David Bielanders âKruzifixâ ihre skulpturale Entsprechung in der Gegenwartskunst. Die stilisierte Jesusfigur, zusammengesetzt aus geradlinigen, rechteckigen Grundformen, ist mit Tackernadeln an das hinter ihr liegende Kreuz genagelt. Mit angedeutetem, herabhĂ€ngendem Kopf und ĂŒbereinandergeschlagenen Beinen im Dreinageltypus scheint sie sich den ĂŒblichen Darstellungen des gekreuzigten Heilands fast vollstĂ€ndig zu entziehen. SpĂ€testens bei der Missachtung des musealen âBitte-nicht-anfassen-Credosâ entpuppt sich das Kruzifix aus vermeintlicher Wellpappe zudem als gewichtiges Objekt der Schmiedekunst, gefertigt aus Silberblech und WeiĂgold.
David Bielander wird 1968 in Basel geboren. 1989 beginnt er seine Goldschmiedelehre bei Kurt Degen. Bereits zwei Jahre spĂ€ter ist er als Goldschmied bei Georg Spreng tĂ€tig. Von 1995 bis 2001 studiert Bielander an der Akademie der Bildenden KĂŒnste MĂŒnchen in der Klasse fĂŒr Schmuck und GerĂ€t bei Prof. Otto KĂŒnzli. Im Jahr 1999 folgt die Ernennung zum MeisterschĂŒler, bevor er 2002 zusammen mit Helen Britton und Yutaka Minegishi fortan sein eigenes Atelier fĂŒhrt. âKruzifixâ ist Bestandteil einer Vielzahl von Werken im Ćuvre des Schweizer KĂŒnstlers, die sich der materiellen Mimikry widmen. So entstehen beispielsweise mit âKroneâ (2015), âUhrâ (2016) oder âHerzâ (2016) eine ganze Reihe von Arbeiten, die sich als Wellpappe zu tarnen versuchen. Dabei oszillieren die Arbeiten Bielanders immer zwischen Design, Kunsthandwerk und Schmuckkunst.
Dem âKruzifixâ als skulpturales Objekt kommt dabei eine gesonderte Rolle zu. Als eines der Ă€ltesten Topoi christlichen Kunstschaffens scheint es den gewöhnlichen Objektcharakter zu ĂŒbersteigen. Gleichzeitig lĂ€sst sich die hier vorgestellte AusfĂŒhrung Bielanders zumindest ansatzweise in Bezug zu gotischen Kreuzigungsdarstellungen setzen. Verbindendes Element ist der Dreinageltypus, welcher sich gegen Mitte des 12. Jahrhunderts etablierte. Zeitgleich wandelte sich auch die Darstellung des Messias selbst. WĂ€hrend Christus zuvor vor allem als ĂŒber den Tod triumphierender Heiland dargestellt wurde, wendet man sich zu Zeit der Gotik gewissermaĂen seiner Doppelnatur zu. Obwohl das Gerokreuz bereits um 970 das Leiden des sterblichen, vermenschlichten Christi zeigt, etabliert sich dieser Abbildungstypus erst im 12. Jahrhundert.
Bielanders âpoor manâs crossâ wirkt dagegen â zumindest augenscheinlich â der Arte Povera entstiegen zu sein. Der sich aus der formalen und materiellen Schlichtheit, in Kombination mit dem achtungsgebietenden Motiv ergebende Widerspruch, ist bei genauerer Betrachtung nur ein scheinbarer. Entgegen seinem Ă€uĂeren Erscheinungsbild wird das mit ausgesprochenem handwerklichem Geschick ausgefĂŒhrte Kruzifix auch durch die verwendeten, wertigen Materialien anschlussfĂ€hig an die Abbildungstraditionen christlicher Kreuzigungsdarstellungen. So scheint die ironische Brechung die abgebildete Szene keineswegs lĂ€cherlich zu machen. Vielmehr wird gerade der Prototyp im Sinne eines Vorbilds, aber auch das Unperfekte und Menschliche zum MaĂ aller Dinge.
TEXT: Adrian Kunder, 2025.