Florian Froese-Peeck – Leuchtende Symbiosen
Für das Werk von Florian Froese-Peeck scheinen die oft zitierten Anfangsworte der Novelle „Gladius Dei“ von Thomas Mann besonders treffend. „München leuchtete“ leitet die Erzählung ein, in welcher der Autor die ambivalente Rolle Münchens als Kunststadt um 1900 verhandelt. Wie der Literat heute über die Landeshauptstadt urteilen würde, wissen wir selbstverständlich nicht, mit „1. Iteration II Diptychon“ wird das Leuchten der Metropole jedoch in jedem Fall weitergetragen und erhellt.
Als Leuchtkasten konzipiert finden die abgebildeten, grellen Straßenlampen ihre reale Entsprechung. Die utopisch anmutenden silbergrauen Laternen sprießen aus der Erde, wachsen und teilen sich in einzelne Zweige. Am Ende der metallischen Stängel ‚blüht‘ jeweils eine helle Neonröhre. Und doch ist die Szenerie weniger surreal als gedacht: 2013 wucherte der „Lampenbaum“ als Außenskulptur vor dem bayerischen Nationalmuseum. Und auch in Oberhaching scheinen 2018 die streng normierten Beleuchtungssysteme ihr Eigenleben zu entwickeln, um sich entgegen ihrer eigentlichen Bauweise in Richtung des Nachthimmels zu strecken. Im Fall des vorliegenden Werks im Sammlungsbestand der Artothek zeigt sich nicht nur ein Kunstwerk im Kunstwerk. So ist die Arbeit gleichzeitig Zeugnis einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der eigenen künstlerischen Praxis sowie einer tiefen Verwurzelung in den individuellen Bildwelten.
Als Bildhauer und Fotograf arbeitet Florian Froese-Peeck oft im und mit dem öffentlichen Raum. Bereits 2006 findet das Motiv der Straßenlaterne mit dem Triptychon „Von der Wahrheit“ seinen Weg in das Oeuvre des Künstlers. Ähnlich wie in „1. Iteration II Diptychon“ entpuppt sich der Urheber selbst als Protagonist. Die drei Leuchtkästen, die noch während seines Studiums an der Akademie der bildenden Künste München entstehen, zeigen den „symbiotischen Lebenszyklus“[1] einer Straßenlaterne. Die Abbildungen changieren dabei bewusst an der Grenze zum Fantastischen. Gerade noch so traut man den eigenen Augen, wenn die abgebildete Person beispielsweise ihr Nachtquartier – ähnlich einem Vogelnest – hoch oben in den Gabeln einer Straßenlaterne aufschlägt. Die Laterne bleibt dabei stets ein Symbol für das moderne Leben und wird als fester, charakteristischer Bestandteil des öffentlichen Raums immer wieder aufgegriffen. Im Rahmen des seit mittlerweile fast 30 Jahren stattfindenden Kunstprojekts „Zimmer frei“ im Hotel Mariandl führte Froese-Peeck die Auseinandersetzung mit der urbanen Architektur konsequent fort.[2] In einer narrativ angelegten Bildsprache entdeckte man den Protagonisten der Bildserie bei einer nächtlichen Pflanzaktion. Der fremde Akteur hockt vor einem Umspannwerk, seine Stirnlampe ist auf die Wiese gerichtet, in der er gerade eben eine Miniatur-Straßenlaterne gepflanzt zu haben scheint. Danach begegnet uns das bereits bekannte Motiv aus der Sammlung der Münchner Artothek. Mutmaßlich durch die eingebaute photosynthetische Wachstumssymbiose vorangetrieben, wird das wuchernde, sich scheinbar selbst erhaltende Gewächs durch den vorgeblichen Tech-Gärtner am rechten Bildrand zusätzlich mit Wasser versorgt. Die Straßenlaterne als Teil unserer vermeintlich künstlichen Umwelt wird so versöhnlich umgedeutet. Ist sie zuvor als ultimative städtebauliche Unterwerfung der Natur zu lesen – die Nacht wird jederzeit und menschgemacht zum Tag –, fusionieren die Lampen von Froese-Peeck mit ihrer Umgebung: Als Gegengewicht zur urbanen Technosphäre öffnet sich die Stadt als Möglichkeitsraum, die organischen Leuchten verschmelzen mit ihrer natürlichen Umwelt und treten so in Einklang mit ihr.[3] Der Dualismus von Natur/Natürlichkeit und Stadt/Künstlichkeit wird so aufgehoben.
Florian Froese-Peeck wird 1975 in München geboren. 2002 beendete er seine Ausbildung zum Holzbildhauer, bevor er zwei Jahre später sein Studium an der Akademie der Bildenden Künste München in der Klasse von Prof. Stephan Huber beginnt. 2011 schloss Froese-Peeck sein Diplom als Meisterschüler ab.
[1] Florian Froese-Peeck, Von der Wahrheit, abgerufen am 01.10.2026, https://www.ffroese-peeck.de/media-foto/von-der-wahrheit/.
[2] Florian Froese-Peeck, Zimmer 11, abgerufen am 01.10.2026, https://www.ffroese-peeck.de/media-foto/zimmer-11/.
[3] Vgl. BBK Bundesverband, „ProTalks: Kunst im Öffentlichen Raum. Aufzeichnung vom 20.11.2025“, 2025, hier 30:00-31:45 min., abgerufen am 01.10.2026, https://www.youtube.com/watch?v=rUQFDP-9nNM.
TEXT: Adrian Kunder, 2026.