Roland Fischer – Unter der Oberfläche
Die Anforderungen an ein Porträt lassen sich besonders anschaulich an einem Kommentar des österreichischen Kunsthistorikers Rudolf Preimsberger illustrieren: „Das Porträt, das dem Porträtierten nicht allein nur das ähnliche, sondern das wahre Bild seiner selbst vor Augen stellte, ein Porträt, ihm ähnlicher als sein eigenes Gesicht.“(1) Aus diesem kurzen aber
pointierten Satz in der Einführung zu einem Band über die Geschichte der klassischen Bildgattungen leiten sich mehrere Thesen ab: Zum einen wäre da die uns selbstverständlich erscheinende Referenzialität, also die unbedingt notwendig vorhandene Ähnlichkeit, zwischen Urbild und Abbild. Darüber hinaus wird ein tiefer liegendes Bewertungskriterium formuliert. So könnte man annehmen die meisterhaft ausgeführte Oberfläche müsste gleichzeitig auch das Wesen des Porträtierten zeigen. Freilich sind auch diese Kriterien zeitgebunden und unterliegen wandelnden Erwartungshaltungen.
Auch die Fotografien des 1958 geborenen Fotokünstlers Roland Fischer messen sich bis zu einem gewissen Grad an diesen Parametern. Die großformatigen Werke des gebürtigen Saarländers sind geprägt von Menschen und Architektur. Der namenlose Mönch in unserer Sammlung ist Teil der zwischen 1983 und 1986(2) entstandenen Serie „Nonnen und Mönche“. Wie die gesamte Reihe zeichnet sich auch das vorliegende Werk durch eine formale Strenge aus. Frontal blickt hier ein Mitglied des französischen Zisterzienserordens in die Kamera. Die weiße Kapuze des Gewandes legt sich um das Gesicht und bildet damit einen Rahmen im Rahmen. Die konzeptuelle Reduktion lässt keine Rückschlüsse auf Ort und Zeit der Aufnahme zu. Lediglich das schlichte schwarze Kreuz um den Hals des Mönchs gibt Aufschluss über den Kontext der Fotografie.
Innerhalb Fischers Gesamtwerk stehen die „Nonnen und Mönche“ gewissermaßen am Anfang einer immer stärker werdenden Abstrahierungstendenz. Der teils dokumentarisch anmutende Charakter der Abbildungen weicht damit einer konzeptuellen Vorgehensweise. Während die eingangs angeführte Referentialität dem Medium der Fotografie inhärent ist, entfernt sich Fischer mit den nachfolgenden „Los Angeles Portraits“ und den „Collective Portraits“ immer weiter vom dokumentarischen. Letztere schlagen in ihrer massenhaften, abstrahierenden Zusammenstellung eine Brücke zu den „Façades“. Ähnlich wie bei den Nonnen und Mönchen eröffnen sich den Betrachter*innen symbolische, abstrakte Oberflächen – geschützt vor der Öffentlichkeit verbergen sie die Menschen im Inneren, verstecken die darunter liegende Technik und Bausubstanz.(3) Und trotz dieser geradezu mimetischen Nachahmung scheint ein Blick unter die Oberfläche der Mönche und Nonnen möglich:
„Ich blättere nochmals die Bilder der Mönche und Nonnen durch. Ihr Charisma ist mir unbekannt, und ich weiß, daß sie das so wollen. Aber ich beobachte, wie friedvoll diese Blicke sind, ohne starr zu sein, freimütig ohne die geringste Aggressivität, in ihrer Offenkundigkeit doch geheimnisvoll.“(4)
Fischers Werk fand weltweit große Beachtung und wurde in zahlreichen nationalen wie internationalen Ausstellungen präsentiert, darunter museale Einzelausstellungen in renommierten Häusern wie dem Musée d’Art Moderne in Paris, der Pinakothek der Moderne in München, dem CGAC in Santiago de Compostela oder The Photographers’ Gallery in London.
(1) Rudolf Preimsberger, Hannah Baader, Nicola Suthor, Hg., Porträt. (Berlin: Reimer, 1999), S. 19.
(2) Vgl. Ernst-Gerhard Güse, Hg., Roland Fischer: Fotoarbeiten 1984 – 1990., S. 15.
(3) Vgl. Petra Giloy-Hirtz, Façades: photography, Hg., Roland Fischer (München: Hirmer, 2014), S. 13.
(4) Galerie Mosel und Tschechow München, Roland Fischer: Portraits, Hg., Oliver Clément (München: Mosel & Tschechow, 1987), S. 20.
TEXT: Adrian Kunder, 2026.